Mittwoch, 26. Januar 2011

Somatic Experiencing - weitere Gedanken dazu

 Die Leser-Frage zu meinem Beitrag "Somatic Experiencing - mein erster Kontakt damit" regt mich an, noch etwas über dieses Thema zu schreiben.

 Dr. Peter Levine hat entdeckt, wie Tiere sich mit rein körperlichen Mitteln von schweren Traumatas befreien (z.B. Eisbär wird von Hubschrauber gejagt und betäubt, um einen Chip an ihm zu befestigen; Tiere waren schon in den Klauen ihres Fress-Feindes, konnten aber wieder entkommen).

 Während sich also die Tiere durch körperliche Maßnahmen anscheinend sehr schnell von Traumatas befreien, bleiben beim Menschen fast immer dauerhafte Schäden, auch auf der körperlich-nervlichen Ebene, zurück. Die Folgen dieser Schäden sind:
  • Dauerhaft fehlende Aggression und die fehlende Fähigkeit, mit Aggression umzugehen.
  • Fehlen des natürlichen Fluchtimpulses.
  • Ein Umgang mit Angst, der automatisch zu Starre (Totstellreflex) führt.

 Der Ansatz beim Menschen geht im "Somatic Experiencing" jedoch über das bei Tieren beobachtete "Trauma-Heilen" weit hinaus. Hier ist es wichtig,
  • den natürlichen Kontakt zum Boden wieder zu gewinnen,
  • die eigenen Körpergrenzen wieder zu integrieren,
  • und das In-sich-hineinspüren (so ähnlich wie ich es hier im Blog beim Bearbeiten der Gefühle beschreibe.
 Erst am Schluss kommt dann das bei Tieren beobachtete Schütteln dazu.... das, nachdem man all die anderen Übungen machte, dann oft automatisch geschieht.
 Und am Schluss, nachdem man die nötige Achtsamkeit erlernt hat, wird dann auch wieder die Aggression, der Flucht-Impuls, und die Reaktion auf Angst integriert.

 Ich schreibe das Ganze hier ein bisschen flappsig, weil ich hier im Blog das Thema sowieso nur kurz andeuten kann (wobei dann alles aus seinem Zusammenhang gerissen ist).
 Wer sich näher mit Trauma-Heilung, oder auch nur mit 'ganz-tief-in-sich-spüren', beschäftigen will, dem kann ich das Buch als ergänzendes Hilfsmittel zu meinem Blog wirklich sehr empfehlen....

Kommentare:

  1. Nur noch zwei Fragen dazu:

    - Woran machte denn Herr Levine fest, dass diese Tiere ein Trauma erlitten haben und sich dann davon wieder befreit haben?

    - Du schreibst vom Schütteln, das am Ende oft fast automatisch geschieht:
    Am Ende der Übungen?...und wodurch entsteht das?

    Lieben Gruß, Testerin!

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    1. --> Der Traumaexperte Peter Levine hatte jahrelang wilde Tiere beobachtet, wie sie bedrohliche Erlebnisse
      verarbeiten ohne traumatisiert zu werden. Er entwickelte aufgrund seiner Beobachtungen die SE-Therapie. SE löst Belastungen mit Hilfe der Energie der Sanftheit
      (seitens des Therapeuten) und des „ganzheitlichen Empfindens“ (seitens des Klienten). Die Geschichte des Traumas wird so in der somatischen Erfahrung über die Körperreaktionen verfolgt und zu einer
      Lösung gebracht...
      --> Schütteln ist nur eine mögliche Form der Entladung. Manchmal geschieht dies nach außen hin auch ganz ruhig oder durch ein zucken einzelner kleiner Muskeln. Auch schwitzen infolge der Erregung ist möglich. Es werden dabei Erregungsenergien aus z.B. aus Nervensystem und Muskeln ausgeleitet, die nach dem traumatisierenden Ereignis nicht ausreichend abgebaut werden konnten. (Z.B. Adrenalin dass durch den Körper schiesst und uns erstarren lässt).
      Ich empfehle jedem, vorerst im Bereich der Ressourcen zu bleiben und diese schrittweise auszubauen. Insbesondere beim allein üben ist es wichtig eine Erregungslevel (der individuell sehr unterschiedlich sein kann) nicht zu überschreiten. Der Grund liegt im Wechselspiel von Sympathikus und Parasympathikus: Jede positive Erregung kann auch in ein Trauma führen.

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  2. > - Woran machte denn Herr Levine fest, dass diese Tiere ein Trauma erlitten
    > haben und sich dann davon wieder befreit haben?

    Das weiß ich nicht (mehr) und kann hierzu auch nicht wirklich qualifizierte Aussagen treffen.
    In einem der Beispiele ging es wohl darum, dass das Tier sich aus dem Todstell-Reflex herausschüttelte.... und dann davonrannte, als ob nichts geschehen wäre. (Während wir Menschen oft lebenslang in einem einmal gelebten Todstell-Reflex gefangen bleiben.)

    Ich habe den theoretischen Teil in diesem Buch nur oberflächlich gelesen. Mich interessieren Theorien prinzipiell nur wenig. Mich interessiert, wie eine Methode dann ganz real und konkret anzuwenden ist - und ob es bei mir dann so funktioniert.... und etwas bewirkt.

    (Ich habe ja, wie bereits beschrieben, das Buch bzw. die CD nicht bis zu Ende durchgearbeitet... empfinde jedoch die Kapitel und Übungen zum 'In-sich-spüren' nach wie vor als eine Bereicherung für mich. - Im Wesentlichen ist dies einfach eine Vertiefung von dem, was ich hier im Blog über das Gefühle-fühlen schreibe.)

    > - Du schreibst vom Schütteln, das am Ende oft fast automatisch geschieht:
    > Am Ende der Übungen?...und wodurch entsteht das?

    Wenn man die Übungen eine nach der anderen macht... jede 3 bis 4 Tage, so wie vorgeschlagen... dann soll das Schütteln irgendwann von selbst kommen. (Bei mir kam mal ein zittriges Vibrieren, als ich mich mit einer Angst beschäftigte. Ich weiß nicht, ob dies damit gemeint war.)

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Ich freue mich über weiterführende Fragen, Anmerkungen, Austausch...   :-)