Samstag, 6. August 2011

Focusing - meine Erfahrungen damit

Einleitung:
Nach langer Pause möchte ich die Reihe "Weiterführende Persönlichkeitsentwicklungsmethoden" noch ergänzen.... um eine Methode, die auf meiner "Über mich"-Seite als eine 'zu meinem Erfahrungsschatz gehörende Selbsthilfemethoden' erwähnt wurde, die ich jedoch bisher noch nicht vorgestellt habe.

Wie bei allen meinen Erfahrungsberichten zu "weiterführenden Methoden der Persönlichkeitsentwicklung" kann dieser Beitrag nur als kurzer Einstieg in die Methode dienen.

Die Entstehung der Methode:
Focusing wurde im Zusammenhang der Klientenzentrierten Psychotherapie (Carl Rogers) seit den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts von Eugene T. Gendlin, Professor für Philosophie und Psychologie an der Universität Chicago entwickelt.

Beim Auswerten von Krankenakten und zugehörender Filmaufnahmen von Therapiesitzungen machte Gendlin eine wichtige Entdeckung:
Bei Klienten, die während der Therapiesitzungen nicht nur über ihre Themen redeten, sondern dabei auf eine ganz gewisse Art und Weise nach innen spürten, verlief die Therapie oft sehr schnell und erfolgreich - bei den anderen Klienten oft langwierig und nur mit wenig Erfolg.

Diese Art des 'Nach-Innen-Spürens' wurde von Gendlin dann näher erforscht und von ihm 'Focusing' genannt. Zunächst wollte Gendlin einfach nur eine Anleitung erarbeiten, wie Klienten ihre Therapie erfolgreicher machen können.....
'Focusing' entwickelte sich dann jedoch zu einer Selbsthilfe-Methode - und zu einer Methode, wie sich Focusing-geschulte Übende gegenseitig bei ihren Themen begleiten können (partnerschaftliches Focusing).
Jahre später wurde 'Focusing' dann im deutschsprachigen Raum von Klaus Renn und Dr. Johannes Wiltschko zu einer vollständigen Psychotherapiemethode weiterentwickelt.

Die Methode:
Focusing gehört zu den Persönlichkeitsentwicklungsmethoden, bei denen man über den Körper nach innen ganz tief in sich selbst hineinzugeht.
Man fragt sich praktisch, wo im Körper man das aktuelle Thema spüren kann, lässt sich quasi vom Körper quasi eine 'Innere Aura' zu dem Thema geben.
Gendlin nennt dies den Felt Sense, das noch Ungeformte, das Implizite, aus dem dann Gefühle, Körperempfindungen, innere Bilder und Worte erst erst noch entstehen.
Mit diesem "Expliziten" arbeitet man dann.... durch spezielle Fragen oder Vorgehensweisen.... und so wie sich das "Explizite" sich dabei verändert, so verändert sich auch das eigene Fühlen, ja die gesamte innere Welt.

Gemeinsamkeiten mit den anderen vorgestellten Persönlichkeitsentwicklungsmethoden:
Die Begegnung mit dem eigenen 'Inneren' funktioniert auch hier nur dann, wenn man das-was-im-inneren-da-ist annimmt und akzeptiert. In den anderen Fällen macht das innere zu!

Eine Gemeinsamkeit mit den 'Methoden zum Fühlen und Verarbeiten der eigenen Gefühle' (z.B. "Körperzentrierte Herzensarbeit") ist, dass man bei all diesen Methoden sehr stark über den Körper vorgeht! - Während man bei sich der 'Herzensarbeit' über den Körper jedoch den Gefühlen zuwendet, arbeitet man beim Focusing über das oben beschriebene "Implizite".

Lernmöglichkeiten, Bücher, CDs:
Derartige erfahrungsorientierte Methoden mit Worten erklären zu wollen ist wahrscheinlich genauso aussichtslos, wie einem von Geburt an Blinden erklären zu wollen was Farben sind. Es ist etwas, dass man nicht theoretisch wissen, sondern nur praktisch erfahren kann!

So kann man Focusing natürlich an Besten in einem Seminar lernen.
Meine Lebensgefährtin und ich machten sehr gute Erfahrungen mit einem Trainer des DAF (Deutsches Ausbildungsinstitut für Focusing und Focusing-Therapie), die sehr gut und fundiert ausgebildet sind.
(Kurse anderer Trainer gibt jedoch auch an Volkshochschulen.)

Wenn man diese Methode überhaupt von Büchern lernen kann, dann wohl am Besten aus "Dein Körper sagt dir, wer du werden kannst. Focusing - Wege der inneren Achtsamkeit" von Klaus Renn. Allerdings ist dann sehr regelmäßiges Üben erforderlich, um sich diese Methode wirklich anzueignen.

Zum Einstieg einfacher finde ich da schon fast, zunächst nur den inneren Kern von Focusing zu lernen, denn: Eigentlich basiert ein wesentlicher Teil von Dr. Peter Levine's Trauma-Heilungs-Methode 'Somatic Experiencing' auf Focusing. In dem in meinem Beitrag über Somatic Experiencing vorgestellten Buch (mit Übungs-CD) gibt es einige wesentliche Übungen zu den Focusing-Basics - angeleitet sogar auf der dem Buch beiliegenden CD. Wer also erst mal nur fundiert den wichtigsten und grundlegenden Kern des Focusing lernen will, dem sei dieses Buch empfohlen.

Einzelsitzungen:
Manchmal kann es sinnvoll sein, sich neben der Selbsthilfe (oder auch ausschließlich) von jemandem unterstützen zu lassen.
Neben der Möglichkeit, Focusing zu Selbsthilfe anzuwenden, oder partnerschaftliches Focusing (zwei oder mehrere Focusing-Übende begleiten sich gegenseitig) wird Focusing als Beratungs- oder als Psychotherapie-Methode angeboten.

Wer sich über Lebensentscheidungen klar werden will, findet sicher bei einem Focusing-Berater Hilfe.
Wer bei tiefgehenden psychischen Problemen Hilfe suchen will, ist bei einem Focusing-Therapeuten  sicherlich besser aufgehoben, da diese in der Regel eine wesentlich längere Ausbildung hinter sich haben. (Ich sage "in der Regel" da es auch Ausbildungsinstitute gibt, bei denen man schon nach kurzer Zeit zu Focusing-Therapeuten ernannt wird. Fundiert ausgebildet sind sicherlich die Therapeuten mit Abschluss am DAF-Institut, es gibt aber sicherlich noch andere gute Institute.)

Focusing-Therapie wird teilweise von Heilpraktikern angeboten, manchmal findet man auch Psychotherapeuten mit Zusatzausbildung in Focusing.

Meine Erfahrungen:
Focusing ist die psychologische Selbsthilfemethode, die ich schon am längsten kenne.
Ich habe diese Methode zunächst aus Büchern gelernt, und dann immer wieder mal (auch schon neben meiner Psychotherapie) als für meine Empfinden 'nutzbringende Ergänzung' angewandt.

Erst viel später wollte ich diese Methode dann noch präziser lernen und besuchte zusammen mit meiner Lebenspartnerin eine 8-Wochenenden dauernde Ausbildung zu dem oben beschriebenen partnerschaftlichem-Focusing. - Auch das empfand ich als sehr hilfreich....

Irgendwie bin ich dann aber zunächst doch wieder von Focusing abgekommen. Das lag zum einen sicher auch daran, dass es mir zumindest bei großen Themen nicht immer leicht fiel, so tiefgehend an mir selbst zu arbeiten - und ich wohl auch nicht mit meiner Lebensgefährtin so tief an diesen Themen arbeiten wollte. - Andererseits lag es daran, dass ich zu dieser Zeit gerade etwas ganz andere kennenlernte.......

Doch irgendwie kehrte ich auch immer wieder zu Focusing (und anderen ähnlichen Methoden) zurück.

Wenn wenn ich heute eine Sitzung mit mir selbst mache, dann schöpfe ich aus allen kennengelernten Methoden, aus meinem gesamten Erfahrungsschatz....

Weitere Informationen:
Ich sehe gerade, dass es auch auf Wikipedia bereits einen umfangreichen Artikel über Focusing gibt.

Kommentare:

  1. Hallo,
    ich habe auch vor Kurzem ein Focusing-Seminar gemacht, aber ich war enttäuscht, weil es so "flach" war. Ich konnte zwar in mich hinein spüren, aber eine Lösung für die Themen bekam ich immer noch nicht.
    Ich weiß nicht, wie man damit eine ganze Fortbildung füllen kann. Vielleicht lag es auch nur an der Leitung.
    Ich hab gedacht, da wäre mehr. ...oder es war einfach nicht die passende Methode im Moment.

    Liebe Grüße,

    Binmalwiederda.

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    1. Hallo,

      ich kann aus der Ferne nicht beurteilen ob du zu hohe Erwartungen hattest, ob die Kursleitung schlecht war, oder ob es einfach nicht die richtige Methode für dich ist.

      Das Ganze ist natürlich immer ein Weg.... und es zeigt sich erst nach und nach, wo die nächsten Schritte vielleicht hingehen....

      Ich habe die Ausbildung in "partnerschaftlichem Focusing" damals bei einem Ausbilder vom DAF gemacht, und den empfand ich als sehr kompetent.
      Es gibt beim Focusing sehr viele Möglichkeiten - von der einfachen Selbsthilfe bis zu einer richtigen Psychotherapiemethode wird ein weites Spektrum abgedeckt.

      Ich mache heute kein Focusing mehr (im engeren Sinne),
      aber ich habe natürlich alles was ich damals lernte mitgenommen,
      und nutze es sicherlich indirekt.

      Liebe Grüße

      Tao

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  2. Danke. Vielleicht probiere ich es einfach mal woanders aus. Bei dem, was wir da hatten, kann ich mir kaum vorstellen, dass man damit ne richtige Therapieausbildung machen kann.

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Ich freue mich über weiterführende Fragen, Anmerkungen, Austausch...   :-)