Samstag, 28. Juli 2012

Nicht mehr zur Verfügung stehen

Letzten Freitag sah ich im Buchgeschäft ein Buch, von welchem ich schon vor Jahren mal gehört hatte. Es ist das Buch "Ich stehe nicht mehr zur Verfügung Wie Sie sich von belastenden Gefühlen befreien und Beziehungen völlig neu erleben" von Olaf Jacobsen. Wie der Zufall so will, hatte eine Bekannte mich vor ein paar Wochen auf die „Freien Systemischen Aufstellungen“ nach eben gerade diesem Jacobsen angesprochen..... Jedenfalls war dann die Neugier so groß, dass ich am Samstag nochmals in die Stadt fuhr, um mir das Buch in Ruhe zu Gemüte zu führen.

(Ich mache es oft so, dass ich in Buchgeschäften schon ausführlich in Büchern lese. Manchmal kaufe ich die Bücher dann nicht, weil da Sachen drin stehen, die für mich nicht stimmig sind, oder die ich schon kenne. Und oft kaufe ich die Bücher dann auch, um sie zuhause nochmals in Ruhe zu lesen und darin herumzumalen, um mir die für mich relevanten Stellen zu markieren.)

Für meine Begriffe ist dieses Buch sehr ungünstig strukturiert. Es gibt einige Perlen(!), die jedoch nicht leicht zu finden sind:

Eine der Kernideen des Buches ist, dass wir sehr oft nicht nur unsere eigenen Gefühle fühlen, sondern etwas von Anderen übernehmen.....
Etwa 80% des Buches beschäftigen sich damit, den Leser durch Theorien, Zitate, Geschichten oder Übungen von der Wahrheit dieser These zu überzeugen. Dies ist auch legitim, sollte jedoch meiner Ansicht nach nicht kreuz und quer durchs gesamte Buch verstreut sein, sondern in eigens dafür vorgesehenen Kapiteln.

Für mich persönlich sind diese 80% des Buches nicht wichtig, da ich dies durch meine Erfahrungen mit K!KG und mit Familienstellen schon längst als Tatsache erkannt habe.
Für mich ist ganz klar, dass man manchmal Gefühle hat, welche in Wirklichkeit einem Vorfahren gehören (und welche man dann mit Liebe und Achtung wieder zurückgeben kann), oder dass man manchmal Gefühle von anderen Menschen fühlt, welche sich gerade in der Nähe befinden.....

Was für mich als Gedanke allerdings neu war ist, dass man manchmal auch Gefühle fühlt, welche eine Antwort auf unterdrückte Gefühle des Gegenübers sind, also dass man z.B. Angst fühlt, wenn man es mit einem kräftigen aber ganz freundlichen Gegenüber zu tun hat, weil man insgeheim seinen unterdrückten Groll auf die Welt wahrnehmen kann.....

Was Jacobsen auch sehr schön auf den Punkt bringt ist, dass wir im Kontakt mit anderen Menschen oft in feste Rollen hineinrutschen - und dann dieser Rolle gemäß fühlen und handeln. (Diese These hatte ich auch schon früher gehört, sie hatte sich jedoch damals für mich noch nicht wirklich mit Leben gefüllt, wie sie es jetzt tut. Jedenfalls fühlt sich diese These von Jacobsen aufgrund meiner Erfahrungen auch sehr stimmig an.)

Das kann man sich wie bei einer Familienaufstellung vorstellen. Bei der Familienaufstellung stellt man sich freiwillig als 'Stellvertreter eines Familienmitglieds' des Klienten zur Verfügung. Wenn man also der Stellvertreter des Vaters des Klienten ist, dann fühlt man wie dieser Vater und übernimmt, ohne ihn zu kennen oder etwas über ihn zu Wissen dessen Verhaltensweisen...
Man ist sich zwar seiner tatsächlichen Identität weiterhin voll bewusst, stellt sich jedoch gleichzeitig zu Verfügung und denkt und fühlt auch wie der Andere.

Doch während man sich in der Familienaufstellung freiwillig als Stellvertreter eines Familienmitglieds des Klienten zur Verfügung stellt, passiert dies laut Jacobsen auch im täglichen Leben und hier meist völlig unbemerkt.
Man trifft einen anderen Menschen und wird ohne es zu bemerken in sein System gezogen, wird zu einem Stellvertreter in seinem System.... fühlt und handelt, wie man normalerweise und bei allen anderen Menschen nie fühlen oder handeln würde....
(Umgekehrt kann es natürlich auch sein, dass der Andere ganz unbemerkt als Stellvertreter in mein System gezogen wird. Dann verhält sich die andere Person vielleicht so kontrollierend wie meine Mutter, obwohl er oder sie dies sonst eigentlich nie tut.)

Ich habe in dem Buch jedoch (auf die Schnelle) keine zufriedenstellende Information gefunden, wie man wirklich bemerken kann, wem ein Gefühl denn nun wirklich gehört oder wer gerade für wen und in welcher Stellvertreter-Rolle steckt.
Ich selbst kenne das aus einem Buch von Bertold Ulsamer jedoch  so, dass man während einer Familienaufstellung folgende Fragen stellen kann: 
"Wem gehört das Gefühl?"(also beispielsweise "Wem gehört die Wut?)
und auch "Auf wen bezieht sich das Gefühl?". (Die zweite Frage sollte man präzisieren, also z.B. fragen "Vor wem habe ich Angst?" oder "Auf wen bin ich in Wirklichkeit so wütend?".)
Diese Fragen stelle ich mir manchmal, wenn ich einfach nur dasitze und meine Gefühle fühle....
Oft machen diese Fragen systemische Zusammenhänge deutlich.


Ein Zaubersatz, und die größte Perle aus Jacobsen's Buch ist jedoch der Satz:
"Ich stehe nicht mehr zur Verfügung"!
Diesen Satz kann man anwenden, wenn man Gefühle für einen Anderen fühlt,
wenn man die Sog spürt, ungewollt als Stellvertreter in eine Rolle gezogen zu werden,
oder auch wenn man auf andere Art und Weise von jemandem für etwas vereinnahmt wird.

Ich habe ihn letzten Montag früh gegen die innerlichen Übergriffe meiner verinnerlichten Mutter angewandt, und hatte den Eindruck, dadurch von ihr freier zu werden....

Am Dienstag oder Mittwoch habe ich bemerkt, wie ich einem unseren Geschäftsführer nicht auf dem Gang über den Weg laufen wollte, weil dieser für meine Begriffe immer sehr schräg mit seinen Mitarbeitern kommuniziert. Ich hörte ihn irgendwo auf dem Gang, zögerte dann etwas, mir einen Kakao holen zu gehen.... Dann kam mir: "Für eine schräge Kommunikation stehe ich nicht mehr zur Verfügung". - Dann bin ich meinen Weg in zum Kaffee-holen gegangen, und ihm dabei garnicht begegnet.
Meine innerliche Haltung, meine Ausrichtung war jedoch nach diesem Satz eine ganz Andere, es hat sich ganz anders angefühlt.

Am Donnerstag Abend rief meine Mutter dann an, weil sie wissen wollte, ob wir in zwei Wochen nun kommen oder nicht. In dieser Zeit kommt nämlich auch meine Schwestern mit meinen beiden Nichten.
Ich habe jedoch meine Urlaubsplanung noch nicht abgeschlossen, möchte mich auch nach dem Wetter richten und konnte daher noch nicht endgültig zusagen.
Im Gegensatz zu meiner Verinnerlichten Mutter ist meine Mutter, jetzt wo ich erwachsen bin, relativ harmlos. Trotzdem wollte sie mich dann (wie immer) dazu überreden, ihr zuzusagen, und nahm meine Aussage wegen des Urlaubs garnicht so richtig zur Kenntnis.
Normalerweise gehe ich dann dagegen an, und beharre dann noch mehr darauf, dass ich vielleicht in der Zeit im Urlaub bin. - Nun kam jedoch auch wieder innerlich der Satz: "Dafür stehe ich nicht mehr zur Verfügung". Ich sagte dann nur noch, "Ich weiß es jetzt noch nicht" und damit war die Diskussion dann von beiden Seiten beendet.

Zusammenfassend kann ich zu dem Buch sagen: "Hilfreiche Ideen - jedoch sehr schlecht strukturiert!" - Ich hatte mir gewünscht, dass folgende drei Teile klar voneinander getrennt sind:
1. Die Beweisführung, dass wir Gefühle anderer fühlen - einschließlich der Übungen und Experimente hierzu.
2. Klare Aussagen darüber, wie man bemerken kann, wessen Gefühle man gerade fühle.
3. Den Teil, in dem es darum geht, sich davon loszusagen.

Somit muss jeder wohl selbst entscheiden, ob sich der Kauf dieses Buches lohnt.
Ein kostenloses Probe-Kapitel gibt es übrigens hier.
(Es gibt noch ein neueres Buch mit ähnlichem Titel, zu welchem ich jedoch nichts sagen kann!)


Ich habe mir übrigens ein anderes Buch von Jacobsen bestellt - hierzu vielleicht in ein paar Wochen mehr!

Kommentare:

  1. Hallo,
    was mir dazu einfällt:
    Das Gehirn nimmt das "nicht" ja oft nicht wahr, oder war es das Unterbewußtsein?
    Deswegen sollte man positive bzw. bejahende Sätze nehmen.
    In dem Fall statt :"ich stehe nicht mehr zur Verfügung", vielleicht "ich bin frei" oder "ich fühle meine Gefühle"oder wenn ich jemand bestimmtes habe, in meinem Fall z.B. mein Vater: "kümmer dich um selber um deine Angelegenheiten." Oder einfach "Stop!" ?!?!

    Was meinst du?

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    1. Teil 1:

      Hallo Regenfrau,

      die Frage nach dem "nicht" wird in dem Buch auch behandelt. Soweit ich das überflogen habe, ist das Argument dort, dass auf den Verbotsschildern ja auch steht "Rasen nicht betreten" oder "Rauchen verboten". Hier wäre es ja lächerlich, diese direkte Aussage durch eine ellenlange Auflistung zu ersetzen, was man stattdessen alles machen könnte....

      Meine Ansicht ist:
      Wenn man versucht, nicht an lila Elefanten zu denken, dann geht das nicht, klar - denn hier entsteht ja das Bild von lila Elefanten.
      Aber "nicht auf den Rasen gehen" kann das Gehirn sich schon vorstellen. Da entsteht dann halt das Bild, irgendwo anders herumzulaufen oder sich irgendwo anders hinzusetzen.

      Für mich fühlte sich der Satz "Ich stehe nicht mehr zur Verfügung" kraftvoll an, und er hatte bisher ja auch Wirkung gezeigt, was ich ja auch bewusst ausprobieren wollte.
      Ich habe hier das Gefühl, dadurch lasse ich mich selbst frei - aber ich achte irgendwie damit auch das Gegenüber, mit seinem da zu sein. Nur stehe ich persönlich ihm dafür halt nicht zur Verfügung.

      Die Sätze "ich bin frei" oder "ich fühle meine Gefühle" fühlen sich für mich persönlich zu pauschal an, zu verallgemeinert an. Sie fühlen sich für mich persönlich auch unwahr an, da ich nicht glaube, dass man dies nie wirklich erreichen kann. - Aber probiere doch einfach aus, was sich für dich kraftvoll anfühlt, und was wirkt!

      .....

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    2. Teil 2:

      Einen Satz wie "kümmer dich um selber um deine Angelegenheiten." würde ich aufgrund meiner Erfahrung mit dem Familienstellen nie sagen, weil er mir so respektlos klingt.
      Beim Familienstellen wird das, was zu den Eltern gehört, mit Respekt zurückgegeben - und auch dies hat für mein Empfinden etwas sehr kraftvolles.

      In unserer Welt geschieht das Erschaffen eines neuen Menschen NICHT dadurch, dass es "schwupp" macht, und ein frisch gebackener Mann oder eine frisch gebackener Frau liegt plötzlich auf der Wiese. Schöpfung geschieht auch nicht dadurch, dass es "Schwupp" macht, und plötzlich liegt ein neues Baby auf dem Wickeltisch. Schöpfung geschieht über die Eltern, indem der Vater das Kind zeugt, die Mutter es empfängt, 9 Monate austrägt und somit in ihrem Körper versorgt und dann gebärt. Das Kind besteht zu 50% aus den Genen der Mutter und zu 50% aus den Genen des Vaters.
      Somit haben Eltern etwas Archaisches, da sie im Dienste der Schöpfung stehen!

      Es ist also wichtig, das was unangemessen ist (mit dem nötigen Respekt) zurückzugeben, ja zurückzuweisen - aber es ist auch notwendig, das Leben von den Eltern anzunehmen!!!

      Wir hatten in unserer Ausbildungsgruppe mal eine Übung gemacht, da stand eine Teilnehmerin für meine Mutter, ein Teilnehmer für die Lebenskraft, und ich für mich selbst.
      Ich habe gemerkt, wie sehr ich meine Mutter ablehne, und wie sehr ich dadurch auch von der Lebenskraft abgeschnitten bin.
      Ich holte dann Joel zu Hilfe, weil ich merkte, dass wir zu Dritt da nicht weiterkommen. Irgendwann kam dann der Punkt, als Joel sagte, ich solle meiner Mutter sagen "Ich nehme das Leben von dir an."
      Meine Antwort war. "Ich habe großen Widerstand dagegen, das jetzt auszusprechen."
      Joel sagte dann: "Gut, dann sage ihr, 'Ich möchte das Leben nicht von dir annehmen'". Dann war eine kurze Pause, dann fügte er hinzu 'Lieber habe ich gar keine Leben.'
      Da habe ich aber kräftig geschluckt, das kann ich dir sagen!!!
      Aber ich spürte auch sehr deutlich, dass das kein dahergeredeter Schmarrn ist, sondern in der Tiefe wirklich stimmt.

      Ich habe dann doch "Ich nehme das Leben von dir an" gesagt, konnte jedoch nicht zu 100% dahinterstehen. Trotzdem brachte es schon Bewegung ins System.
      Ich weiß nichtmehr wie es kam, aber die Stellvertreterin meiner Mutter stand dann irgendwann neben dem Stellvertreter meiner Lebenskraft....
      Die Lebenskraft sagte mir, dass er jetzt die Distanz zu mir verliert, welche die ganze Zeit da war.
      Auch ich fühlte mich nun beiden näher, jedoch auch immer noch eine Distanz.


      Für mich ist also dieser Satz von Jacobsen die Kurzform von dem, was man in einer Familienaufstellung macht, nämlich unangemessene Eingriffe (oder Übergriffe) respektvoll zurückzugeben.
      In meiner Sitzung am Montag hätte ich auch in meinem Kopf, in meinem Gespür oder in einem Buch nach einem "Lösungssätzen" suchen und diesen gegenüber meiner Mutter aussprechen können. - Satz von Jacobsen fand ich da einfacher, und wirkungsvoll.

      Aber die Erfahrung wird zeigen, wie es damit weitergeht.
      Lasse uns doch auch an deinen Erfahrungen teilhaben, mit welchen Sätzen du dich gestärkt und und frei fühlst!

      Wünsche dir ein schönes Wochenende

      Tao

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    3. Hallo Tao,
      danke für die Antwort. Find ich spannend, dass das auch im Buch behandelt wird.
      Und auch das Du das Thema rauchen gewählt hast. Denn gerade da habe ich für mich gesagt: ich fange an! Nämlich ein unabhängiges Leben! Das war viel kraftvoller und wie man sieht, wirkungsvoller :)

      Ich hatte mich die letzten Tage wieder ein wenig mit "Energievampiren" beschäftigt, blödes Wort, aber irgendwie doch passend. Ich bin sehr schnell beim anderen, erspüre dem seine Wünsche/Bedürfnisse..ect. es ist also nicht nur der andere "schuld" der da Energie saugt.
      Da hilft mir das "ich bleibe ganz bei mir" oder auch "meine Energie ist bei mir!"

      Hmm, das mit den Eltern und respektvoll zurückgeben da tue ich mich sehr schwer. Weil meine Eltern auch herzlich wenig Respekt zeigten/hatten.
      Aber da möchte ich nicht weiter drauf eingehen.

      Was mir hilft, wenn mich die Schuldgefühle übermannen versuchen, dass ich mir sage: das sind alles erwachsene Menschen, die können gut für sich selbst sorgen, sich von mir versorgen lassen wär wahrscheinlich einfacher als sich selbst drum zu kümmern.
      Ja alte Muster verändern dauert und man muss wachsam sein.
      Neues erlernen, dafür stellt sich mir gerade meine Nachbarin zur Verfügung, weil die sehr klammert und ich mich abgrenzen darf...muss, weil ich eh so erschöpft bin.

      Gute Zeit!

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