Dienstag, 5. Februar 2013

Die Mutter anschauen!

Nachdem wir in unserem Ausbildungs-Block im November den Vater angeschaut hatten, war diesmal die Mutter dran.

Jedenfalls ging es darum, die Mutter einfach nur anzuschauen (wohl etwa eine viertel Stunde lang?) - ohne dabei etwas zu tun.
Wir sollten also 3-er-Gruppen bilden. Ein Gruppenmitglied war derjenige, der jeweils die Mutter ansehen sollte, ein anderes Gruppenmitglied stand für die Mutter und ein drittes für den Vater. - Jeder kam mal dran, und es wurde immer durchgewechselt.

Wir waren in unserer Gruppe zwei Männer und eine Frau.
Zuerst war der andere Mann dran, die andere Teilnehmerin stand für seine Mutter, während ich für sein Vater stand.
Dann war die Teilnehmerin dran, ich stand für ihre Mutter, der andere Teilnehmer für ihren Vater. - Dabei merkte ich, dass ich, trotz allem was hier geschah, und was wohl zwischen ihr und ihrem Mutter zu stehen scheint, in mir stets Liebe zu ihr da war...... und ich auf Sie und verschiedene aus ihrem Leben sehr stolz war....

Dann war ich dran.
Wie gesagt, hatte ich mir diese Übung ja auch gewünscht, jedoch war ich an diesem Nachmittag garnicht dazu aufgelegt gewesen, diese intensive Übung zu machen.
Ich wählte nun also die Teilnehmerin zur Stellvertreterin für meine Mutter, der andere Teilnehmer war somit Stellvertreter für meinen Vater.

Ganz am Anfang empfand ich mich eine kurze Zeit ganz gut mit ihr in Kontakt. - Dann riss der Kontakt ab.
Mein Blick wanderte immer wieder links von ihr auf den Boden..... und immer wenn ich dann doch versuchte, mit ihr Blickkontakt aufzunehmen, schien ihr Blick weg-zuwandern, oder sie war in ihrem Blick nicht wirklich anwesend!

Da ein Blick auf den Boden beim Familienstellen ja immer etwas mit Verstorbenen zu tun hat, kam mir dann auch der Gedanke an ihren früh verstorbenen (im Krieg gefallenen) Vater.
Überhaupt hatte ich den Eindruck, auch zwischen ihr und mir würden Tode liegen, welche den Weg zueinander versperren.

Auch zum Vater war kein Kontakt möglich. - Am Anfang war er mit seinem Blick ganz starr ganz woanders. Später wirkte er sehr streng, so dass ich Angst davor hatte, er würde mir eine scheuern.

Ich fühlte mich sehr isoliert..... und ganz alleine auf der Welt.....
und mein Blick blieb immer mehr links von ihr auf dem Boden liegen......

Dann erinnerte ich mich daran, dass Joel ja gesagt hatte, wir sollten bei dieser Übung 'Ganz-Da-Bleiben'..... und nicht in irgendwelche 'alten innerlichen Filme' einsteigen. - Ich hatte den Eindruck, als ob ich zumindest am Rande eines 'alten Film' war.....

Die Aufgabe war jedoch "Die Mutter anzuschauen"!
Also nahm ich wieder Blickkontakt mit ihr auf..... bereit, sie mit all ihrem schweren Schicksal und mit all ihrer Unfähigkeit zu sehen....
Ich wich dann dem Blick nicht mehr aus. In mir war ein "ich schaue dich jetzt an" und ein "ich bin jetzt bereit, dich mit allem zu sehen!".
In mir bildete sich dann der Satz "Ich nehme dich jetzt wie du bist!"

Nachdem ich angefangen hatte, sie anzuschauen verschränkte sie ihre Arme vor ihrer Brust.... doch dies konnte den ganzen Vorgang nicht verhindern, da ich bereit war, sie auch damit zu sehen und zu nehmen.

Ich blickte dann auch den Vater an und sagte innerlich "Auch dich nehme ich wie du bist!"

Hinterher sollten wir uns dann über das Erlebte austauschen.
Als die Stellvertreterin meiner Mutter dann sagte, sie hätte überhaupt nichts gefühlt, da übermannte mich dann doch eine tiefe Traurigkeit - ja ich war fast irgendwie ge­schockt. (Ich hatte irgendwie doch gehofft, dass irgendwo im Hintergrund bei ihr doch Liebe vorhanden ist  - so wie ich es ja auch gefühlt hatte, als ich Stellvertreter der Mutter der anderen Teilnehmerin gewesen war.)

Sie erzählte dann auch, dass es für sie überhaupt nicht möglich gewesen war, mit mir in Kontakt zu gehen oder für mich da zu sein..... und sie sie dafür irgendwie auch geschämt hätte.....  - Dann meinte sie, dass im Hintergrund wohl doch so etwas wie Liebe dagewesen wäre, doch dies wollte ich dann nicht mehr glauben oder annehmen......

Während der Übung war ja ein gewaltiger Schritt passiert, der bisher noch in keiner Systemischen Übung und in keiner Familienaufstellung möglich gewesen war. (Ja, für mich hat sich in den letzten Wochen mehrmals gezeigt, wie wichtig die Fähigkeit ist, 'Ganz-Da' zu bleiben und eben nicht 'in alte Filme' zu gehen. Da bin ich sehr dankbar dafür, dass wir dies in diesem Training gelernt haben.) 

Doch das Hinterher (beim Austausch über das Erlebte) war dann schon so etwas wie ein Schock für mich gewesen.... und ich hatte die Befürchtung, dadurch wäre mir der 'große Schritt' nun auch irgendwie wieder verloren gegangen.

Aber Joel meinte, dass dieser Erfahrung nicht mehr rückgängig zu machen wäre, und die Erinnerung daran immer wieder auftauchen würde. -  Und als positiven und heilsamen Schritt ist mir das Ganze nun im Nachhinein auch tatsächlich in Erinnerung geblieben.....

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