Freitag, 27. Juli 2012

Abgrenzung-Wege

In diesem Beitrag geht es um verschiedene Möglichkeiten, mit Grenzüberschreitungen in eher nicht so engen Kontakten, umzugehen - also damit, wenn einem jemand ernsthaft auf die Füße tritt, wenn einem jemand ernsthaft die Butter vom Brot zu nehmen versucht.
Dabei soll dieser Beitrag keineswegs die Aussagen aus den Beiträgen "Verletzt durch einen Anderen" / "Verletzt durch einen Anderen II" oder den überaus interessanten Kommentaren hierzu, abmildern, sondern nur ergänzen.


Eine Möglichkeit mit Konflikten umzugehen ist, mit voller Power in die Konfrontation zu gehen.
Nehmen wir, um dies zu verdeutlichen, mal den Fall, jemand würde immer wieder abfällige Kommentare über dich von sich geben:
Ich war vor Jahren mal bei einer Bioenergetik-Therapeutin, die das sehr gut konnte. Es war eine dicke Frau, der man richtig ansehen konnte, wie gut sie mit dem Boden verbunden war. Aus dieser Erdung konnte sie (ohne irgendwie wütend oder aggressiv zu wirken) eine ganz gewaltige Power entwickeln und andere Menschen aus dieser Power heraus ganz direkt konfrontieren. (Ich habe dies mehrmals gesehen.)

Sie hätte sich in dem genannten Beispiel ihre gesammelte Kraft auf denjenigen gerichtet, der die abfälligen Bemerkungen über sie macht, und hätte aus dieser Kraft heraus klar und deutlich und ohne das geringste Zurückweichen gesagt: "Ich möchte nicht, dass du so über mich redest!" 
Die anderen trauten sich dann nicht, direkt zu widersprechen, machten jedoch manchmal ausweichende Ausflüchte. Sie hätte dann in diesem Fall nochmals mit derselben Erdung und Energie gesagt: "Hast du gehört!. Ich möchte nicht, dass du so über mich redest." Dabei hat sie den Anderen direkt angesehen, ihn direkt angesprochen, also nicht irgendwie an ihm vorbei.....
Meinst genügte dies dann, und der andere signalisierte dann irgendwie Zugeständnis.
Falls nicht, dann hätte sie es auch gebracht, noch ein paar Mal voll hineinzugehen.

Das Ganze funktioniert meiner Ansicht nach nur, wenn man ganz direkt und ohne zurückweichen voll seine Energie hineingibt und auch beim zweiten, dritten oder vierten Mal keinesfalls in der Power und Intensität nachlässt. Und es funktioniert nur, wenn die Power nicht nur gespielt ist, sondern wenn sie wirklich von unten, vom Boden, aus einer guten Erdung heraus kommt. Und es funktioniert nur, wenn man wirklich bereit ist, voll reinzugehen und deutlich mehr Energie hineinzugeben, als es das Gegenüber tut.


Ein ganz anderer Weg in solchen Situationen wäre, paradoxe Kommunikation und Verhaltensweisen einzusetzen.
Vor vielen Jahren habe ich mal einen Vortrag von  Hans-Ulrich Schachtner gehört, in welchem er auch ein damals frisch erschienenes Buch "Frech, aber unwiderstehlich!" vorstellte. Bei seinem Vorgehen werden Ansätze aus der Hypnotherapie mit Ansätzen aus der Provokativen Therapie zu einem Kommunikationsmodell vermischt.

In dem Vortrag brachte er unter anderem folgendes Beispiel:
Ein Mann, der in seiner Firma regelmäßig von einer Vorgesetzten niedergemacht wurde, bekam im Coaching folgenden Vorschlag:
Er sollte an einem Freitag Nachmittag mal in ihr Büro gehen. Dort sollte er herumstammeln, dass er ihr etwas sagen müsste, ...... noch etwas ausweichen, und dann schließlich sagen: "Was ich Ihnen schon immer sagen wollte. Es erregt mich sexuell total, wenn ich von Ihnen so niedergemacht werde." Dann sollte er das Büro verlassen, ins Wochenende flüchten und dieses Thema niemals mehr ansprechen.
Dies soll gewirkt haben. Die Vorgesetzte hat ihn seither nie mehr niedergemacht.

Ein anderes Beispiel, welches auch in diese Kategorie passt, stammt aus dem "Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung 1" Arist von Schlippe und Jochen Schweitze.
Dort wird beschrieben, wie eine Frau eine Familienberatungsstätte aufsuchte, weil es zwischen ihr und ihrem Mann regelmäßig krachte. Ursache war jedes mal, dass sie die Schiebetüre an dem gemeinsamen Kleiderschrank offenstehen ließ - und sich ihr Mann darüber total aufregte.
Sie empfand ihn als kleinlich und fühlte sich von ihm überwacht und kritisiert - er dagegen meinte, sie wolle ihn absichtlich missachten und ärgern - und so war mit der Zeit ein großes Beziehungsproblem daraus entstanden.
Das Beratungsteam sagte ihr schließlich, sie solle ihrem Mann ausrichten, dass es für die offenstehende Schranktüre eine tiefenpsychologische Erklärung gäbe: "Durch die offene Schranktüre würde sie ihrem Mann unbewusst ihre Bereitschaft vermitteln, mit ihm sexuelle zu verkehren."
Die Frau war mit dieser Erklärung nicht so zufrieden. Da das Beratungsteam sie jedoch dazu drängte, dies genau so ihrem Mann zu erzählen, tat sie dies dann auch.
Der Mann soll dann gesagt haben: "Einen größeren Blödsinn habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gehört."
Trotzdem sieht er seitdem mit einem Lächeln über die offenstehende Schranktüre hinweg.  

Natürlich hat die paradoxe Gesprächsführung nur in Ausnahmen mit Sexualität zu tun. (Aber diese Beispiele sind irgendwie bei mir hängen geblieben.)

Doch nochmals zurück zu dem Buch von Schachtner.
Das Ganze war dann doch nicht so sehr mein Ding um den Aufwand zu betreiben, monatelang mit dem Buch selbst zu üben, oder ein Seminar hierzu zu besuchen.


Überhaupt - und das gilt für alle Ansätze, stellt sich die Frage: "Welchen Preis kostet mich die Abgrenzung und bin ich bereit ihn zu bezahlen?"
Andererseits besteht natürlich auch die Frage, "Was kostet es mich, wenn ich mich nicht abgrenze".
Somit hängt es vielleicht auch davon ab, um was es in dem aktuellen Konflikt eigentlich geht:
Ums "Rechthaben"?
Darum, einen Grenzübertritt abzuwehren?


Joel erzählte gleich am ersten Abend in meiner neuen Gruppe, dass er im täglichen Leben immer weniger dazu bereit ist, die "Einladung in Stress zu gehen", anzunehmen. (Er spricht von "Einladung in die Trennung zu gehen", aber was damit gemeint ist ist vielleicht nur Insidern voll zugänglich.)
Er erzählte, dass er zum Beispiel kürzlich im Supermarkt eine alte Frau in die Schlange an der Kasse vorgelassen hatte, weil die sich irgendwie an der falschen Stelle angestellt hatte. Hinter ihm hat dann jemand deswegen gemosert, und früher wäre er voll darauf eingestiegen. Doch diesmal merkte er, dass er nicht jeder Einladung zu folgen braucht.
Seine Weigerung, einer "Einladung in die Trennung zu gehen" zu folgen, würde übrigens nicht auf spirituellen Gründen beruhen, sondern auf ganz egoistischen: Er möchte sehr alt werden und sich deshalb einfach nicht mehr selbst schädigen!   

Wir machten dann hierzu gleich eine Körper-Übung zu zweit:
Einer war der Angreifer und der andere sollte zwar der angreifenden Hand ausweichen, seine Hauptaufgabe war jedoch, die angreifende Hand liebevoll zu umgarnen.
Als einige Teilnehmer dann allzu anstrengend versuchten, der angreifenden Hand auszuweichen, sagte Joel, wir sollen uns ruhig auch mal treffen lassen - damit wir sehen: Da passiert nichts Schlimmes.
Diese Übung ist natürlich sowohl für den "Angreifer" als auch für den "Angegriffenen" eine neue und verblüffende Erfahrung!!!


Aber Konflikte dürfen sein und in unseren Gruppen hat es manchmal auch schon richtig geknallt!
In solchen Fällen gab es immer den Raum für jeden, seine  Sichtweise dazu auszudrücken.
Manchmal hatten wir Anderen dann die Erwartung, dass diese Konflikte nun gelöst werden müssen, so dass am Ende dann irgendwie herauskommt, wessen Wahrnehmung nun richtig und wessen Wahrnehmung nun falsch war, was nun richtig und was nun falsch ist.
Doch derartige Erwartungen bleiben dann enttäuscht.
Jeder teilt seine Wahrnehmung mit - und jeder bleibt mit seiner Wahrnehmung völlig unangetastet.
Der Konflikt darf dasein, und es wird nichts damit und nichts dagegen gemacht!
Diese Energie kann im Raum bleiben und jeder ist mit seinem geachtet.
Das hat etwas sehr kraftvolles -
und ist sicherlich kraftvoller, als aus Angst vor einem offenen Konflikt gleich von einer 'neutralen Stelle' eine Lösung basteln zu lassen.

Samstag, 9. Juni 2012

Über das 'Tao der Zustimmung' hinaus

(.... oder meine erste tiefe Begegnung mit Demut.)

Ich möchte hier die Reihe "Mein Weg zum 'Tao der Zustimmung'" fortsetzen, mit etwas, das für mich eigentlich schon über 'das Tao der Zustimmung' hinausführt.

Vorspiel:
Mitte 2009 machte ich mein zweites Seminar bei Joel, welches den Titel "Ganz da sein" hatte.
In diesem Seminar waren zwei Teilnehmer, welche gerade bei Bert Hellinger die Ausbildung im Familienstellen machten. Sie redeten sehr positiv über Bert Hellinger, sahen in ihm einen sehr liebevollen Menschen, sagten, wenn man ihm in die Augen blickt, würde man die ganze Weite des Universums sehen können.

Derartige Aussagen deckten sich nicht mit meiner Meinung.
Ich war in den 90er Jahren bereits auf das Thema Hellinger gestoßen. Ein körperorientierter Psychotherapeut, bei dem ich damals manchmal Workshops machte, arbeitete auch mit dem Familienstellen - und ließ manchmal auch etwas von Hellinger in die rein körperorientierten Seminare mit einfließen. Damals war ich tief berührt, als bei einigen Teilnehmern, das Thema "Die unterdrückte Liebe zu den Eltern wieder fließen lassen" berührt wurde.
Gleichzeitig hatte ich da ziemliche Widerstände dagegen. Da kam es mir gerade recht, als ich in der Presse las, dass eine Frau sich unmittelbar nach einem Seminar bei Hellinger umgebracht hatte. Das was ich damals in der "Focus" las, ließ keinen anderen Schluss zu, als dass Hellinger schon sehr unsensibel mit dieser Frau umgegangen war. Somit  war das Thema damals für mich erledigt gewesen, obwohl ich den körperorientierten Psychotherapeuten als sehr respektvollen und einfühlsamen Therapeuten kannte und schätzte.

Aber nun holte mich das Thema durch die beiden Teilnehmer wieder ein. Die beiden sprachen auch von einem "neuen geistigen Familienstellen", bei welchem sich die Stellvertreter bewegen (d.h. sich vom Feld führen lassen) dürfen, bei welchem das Aufstellen als Prozess angesehen wird und bei welchem oft auch nur Teilaspekte des Problems aufgestellt werden.
(Wer sich für die Unterscheide zwischen klassischen und neuen Familien-Aufstellungsformen interessiert, der sei auf einen Text von Thomas Gehrmann verwiesen. Auch Wilfried Nelles, der den neuesten Entwicklungen von Hellinger eher kritisch gegenübersteht, bringt in seinem Artikel Klassisches Familienstellen, Bewegungen der Seele, Bewegungen des Geistes - Wohin bewegt sich die Aufstellungsarbeit? (PDF-Datei) eine interessante Gegenüberstellung.)

Auch Joel, der ja Familienaufsteller ist, redete in diesem Seminar öfters über das Familienstellen. (Eine Familienaufstellung machten wir in diesem Seminar zwar nicht, jedoch eine Organisations­aufstellung, da eine Teilnehmerin Probleme mit ihrer Institution und ihren Kollegen hatte.)

Joel berichtete jedoch über eine Aufstellung, die er mal mit einer deutschen Frau machte, die mit einem Indianer verheiratet war. Die beiden lebten zunächst in den USA, waren dann jedoch nach Deutschland gezogen, weil sie sich hier für ihre Kinder eine bessere Schulbildung erhofften. - Ihr Mann, der Indianer, hatte jedoch kaum deutsch gelernt und hatte Schwierigkeiten damit, hier in Deutschland eine Arbeit zu finden.
Als die Aufstellung nicht so richtig vorankam,  sagte Joel der Teilnehmerin, er würde nun noch einen Stellvertreter für Amerika mit hinzustellen. Er wählte dann jemanden aus, und stellte ihn in die Aufstellung hinein, ohne jedoch für diesen Stellvertreter oder die anderen Beteiligten offen zu legen, für wen dieser Stellvertreter stand.
Der Indianer warf sich in diesem Augenblick auf den Boden und kroch wie ein 'Verdurstender in der Wüste' auf diesen neuen Stellvertreter zu......
Seine Frau was hiervon sehr beeindruckt. Sie sagte, sie würde nie wieder von ihrem Mann verlangen, dass er Deutsch lernen müsse.....

Später erzählte Joel dann von Vertriebenen..... und dass diese auf ähnliche Weise schwer entwurzelt im Leben stehen würden.....
Da machte ich bei mir irgendwie klick: Meine Eltern sind Donauschwaben, das sind Deutsche, die am untersten Ende von Österreich-Ungarn lebten, auf einem Gebiet, das nach dem ersten Weltkrieg zwischen Ungarn, Jugoslawien und Rumänien aufgeteilt wurde. Meine Eltern waren mit ihren Familien nach dem zweiten Weltkrieg auf Jugoslawischem Boden viele Jahre in Arbeitslagern, Internierungslagern und sogar Vernichtungslagern - bis sie dann 1955 froh waren, das Land verlassen zu dürfen.
Sie fühlten sich ihrem früheren Lebensraum jedoch weiterhin sehr verbunden - und wenn sie von ihrer früheren Heimat redeten immer das Wort "Daheim".
Ich und meine Geschwister reagierten hierauf immer sehr genervt - sagten, wir wären doch hier zuhause.

Doch irgendwie war mir durch die Geschichte mit dem Indianer klar geworden, dass das "Daheim" (und das heftige Schicksal) meiner Eltern wohl irgendwie ganz tief in unserer Familienseele verankert sein muss......

Hauptteil:
Später machten wir dann eine Übung zu dritt. Jeder sollte sich zwei Probleme, zwei Lebensthemen aussuchen, die er sich etwas näher anschauen will. Ich wählte mir "meine berufliche Unzufriedenheit" und "das 'Daheim' meiner Eltern". Jeder der beiden Übungspartner sollte nun eines dieser Lebensthemen repräsentieren.
Dem einen Teilnehmer, den ich ganz gut leiden mochte, ordnete ich das Thema Beruf zu, dem anderen Teilnehmer, der mir nicht so sympathisch war, das Thema Heimat.
Dann sollte der erste mir meinen rechten Arm auf den Rücken drehen. So weit, bis es anfing zu schmerzen und ich "stopp" sagte. Dies klappte auch ganz gut. Der "Unsympathische", drehte mir dann den linken Arm auf meinen Rücken. Er schien mein Stopp nicht zu hören und drehte noch weiter, bis ich lauter "Stopp" sagte. Auf dem linken Arm war nun ziemlich viel schmerzhafter Druck.
Nun sollten wir uns die Themen ansehen, zu ihnen "Ja-Sagen", in PrEssenz gehen.... alles anwenden, was wir gelernt hatten, und schauen ob sich etwas verändert.
Die beiden "Haltenden" sollten nur dann etwas verändern, wenn sie innerlich wirklich einen tiefen Impuls dazu spürten. Sie sollten jedoch nicht einfach locker-lassen, um zu helfen. (Es ging auch garnicht darum, unbedingt herauszukommen, sondern sich tiefer auf seine Themen einzulassen.)

Ich schaute mir, in der gebückten Haltung, zunächst mein berufliches Thema an und konnte hier wohl auch etwas in ein "Ja" kommen. Dann wollte ich das Thema "Heimat" anschauen, aber das ging nicht, dann ich war von diesem Thema so eingezwängt, dass ich mich keinen Millimeter in diese Richtung bewegen konnte.

Da spürte ich zum ersten Mal in meinem Leben eine tiefe Demut.
Hier waren Kräfte am Werke, welche mich, mein Leben, mein Schicksal tief beeinflussten - die weitaus größer sind als ich selbst, und denen ich als Mensch einfach nur ausgeliefert bin.

In dieser Demut kam mir dann die Idee: "Vielleicht erlaubt das Leben mir ja wenigstens, dass ich aufrecht stehen darf".
Ich machte dann eine sehr langsame, aber ununterbrochene Bewegung - ohne Widerstand, und aus dieser Demut heraus... und es war dann tatsächlich möglich, in den aufrechten Stand zu kommen.
Mein linker Arm was jedoch weiterhin so stark verdreht wie vorher!

Ich schaute nochmals akzeptierend das berufliche Thema an. Sein Stellvertreter ließ nach und nach immer mehr los. Das Thema "Heimat" konnte ich weiterhin nicht anschauen, es stand hinter mir in einem toten Winkel und hatte meinen linken Arm weiterhin voll im Griff.
Schließlich ließ der Teilnehmer, der für das berufliche Thema stand, ganz los.
Er schaute mich irgendwie.... ich würde sagen 'sehnsüchtig' an - und hatte dann schließlich Tränen in den Augen.
Beim Thema "Heimat" rührte sich bis zum Ende der Übung nichts....

Beim Austausch wollte der Teilnehmer, der für den Beruf stand nicht sagen, was da in ihm vorgegangen war. Er meinte, ich solle es einfach auf mich wirken lassen.....
Mir war klar, wie wichtig es jetzt war, das nicht zu zerreden! Allerdings hätte ich, ein paar Wochen später, dann doch gerne gewusst, was er da wahrgenommen hatte. (Leider verlief der Kontakt zu ihm im Sande. Wie hatten sogar vereinbart, uns vielleicht mal zu treffen, doch dann landete seine Email wohl bei mir im Spam-Ordner und ich hatte sie wohl dann gelöscht..... und auf den zweiten Versuch wollte es dann auch nicht mehr klappen.........

Nachspiel:
Nach dem Seminar suchten wir dann, ob irgendjemand hier vor Ort das "neue geistige Familienstellen" anbietet. Die einzige Aufstellerin, die hier bei uns im Wohnort war und bei der wirklich klar aus dem Text hervorging, dass es sich um das neue Familienstellen handelt, war allerdings noch eine Anfängerin, bei welcher dann auch nach mehreren Versuchen keine richtigen Schnupperabende zustande kamen.....

Schließlich entschied ich mich dann, die weiten Wege in Kauf zu nehmen und bei Joel in die K!KG-Gruppe zu gehen, in welcher neben den Aufstellungen die 'Innen-Raum-Reisen' und vor allem die K!KG-Übungen einen großen Raum einnehmen.
Obwohl Joel ja auch Ausbilder am Hellinger-Institut ist, macht er aus meiner Sicht vieles anders, als es auf den DVDs von Hellinger zu sehen ist.

Um mir praktisch zusätzlich noch Hellinger und "Die Bewegungen des Geistes" ins Boot zu holen, habe ich dann noch einiges von Hellingers Büchern gelesen. (Immer wieder hatten die Bücher für mich etwas so tiefgehendes, dass ich mich beim und nach dem Lesen richtig tief zentriert fühlte.)

Für mich kam durch Joel, durch Hellinger - und vor allem durch meine oben beschriebene Erfahrung etwas Demütiges in mein "Tao der Zustimmung" mit dazu.
Demut vor etwas, was großer ist. - Vielleicht kann man es manchmal auch einfach nur Schicksal nennen. (Siehe in diesem Zusammenhang auch meinen Blog-Beitrag "Die Stufen der Zustimmung II".)

Nachtrag:
Das Schicksal meiner Eltern tauchte dann später auch in meinen drei Familienaufstellungen auf.
Ohne das ich nachgefragt hatte erzählte mir mein Vater in den Monaten zwischen der zweiten und der dritten Aufstellungen erstmals ausführlich von den Nachkriegs-Erlebnissen seiner Familie.

Samstag, 14. April 2012

Der Stimme des Körpers folgen

Als ich letztes Wochenende bei meinen Eltern war, lief mir das Buch "Focusing - Der Stimme des Körpers folgen" von Ann Weiser Cornell wieder über den Weg. In diesem Buch wird eine bestimmte Art des Focusing-Prozesses beschrieben, den ich in meinem Beitrag "Focusing - meine Erfahrungen damit" in der Reihe Reihe "Weiterführende Persönlichkeitsentwicklungsmethoden" nicht erwähnt hatte.

Bei 'normalen' Focusing versucht man immer das Ganze zu betrachten. Daher focusiert man auf "Alles zum Thema xy" (z.B. auch "Alles zu meiner Angst vor fremden Gruppen").
Beim Ansatz von Ann Weiser Cornell betrachtet man eher Teile (Persönlichkeitsanteile), und beendet somit, die unbewusste Identifikation mit diesen Teilen. So sagt man zum Beispiel nicht, "ich bin ängstlich", sondern "ein Teil von mir hat Angst" oder "Etwas in mir hat Angst".
(In der K!KG-Arbeit würden wir stattdessen sagen "Da ist Angst" und somit die Angst nicht in den persönlichen Besitz nehmen, da sie eventuell auch von anderen Personen (insbesondere aus der Familien) übernommen sein könnten.)

Jedenfalls habe ich vor langer Zeit diese Art und Weise Focusing gemacht, bin dann jedoch davon abgekommen, weil ich den Eindruck habe, durch die Teile Betrachtung zu sehr die Verantwortung für mich wegzuschieben und auf irgendwelche Teile zu schieben ("ich kann nichts dafür, dass ich mich so blöd verhalte, das ist ein Teil in mir").
Aus diesem Grund ist es mir lieber, eher gleich die Aufmerksamkeit auf das Ganze zu legen, das "Teil" zu umarmen, aber es dann auch schon bald in mein Herz und in mein Ganz-Sein mit aufzunehmen.

Prinzipiell kann ich sagen: Das oben genannte Buch ist ein wirklich gutes Einsteiger-Buch, allerdings stellt sich die Frage, auch welche Art und Weise Focusing am nützlichsten ist (was wohl auch von Person zu Person ganz unterschiedlich sein kann).

--- --- ---

Hakomi-Psychotherapie, oder Focusing-Sitzungen (alleine oder mit Begleiter) scheinen, einfach schon durch die Vorgehensweise und die Art wie begleitet wird oder wie Fragen gestellt werden, eher die kindliche Seite in mir anzuregen. Insbesondere passiert mir das auch bei dem Ansatz von Ann Weiser Cornell.
Bei der K!KG-Arbeit wird dagegen bei mir eher eine "erwachsene Energie", die eigenverantwortliche Seite in mir,  hervorgerufen.
Jetzt, wo mir das oben genannte Buch wieder in das Bewusstsein gekommen ist, merke ich nochmals so richtig den Unterschied.
Ein bisschen löste dies jetzt auch eine Unsicherheit in mir aus und die Frage, ob ich durch das bewegen in die starke und erwachsene Energie nicht vielleicht irgendwie auch Gefühle von "Kleinsein", "Schwäche", "Hilflosigkeit" vermeiden will?????
Es geht mir also einerseits um die Frage, welche Vorgehensweise ist Wirkungsvoller - aber auch um die Frage, welche Vorgehensweise nicht ausblendet, was eigentlich gesehen werden müsste....

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Viel los - im Ausbildungsblock

Die Tage in meiner Ausbildungsgruppe waren wieder sehr schön, tiefgehend und erfahrungsreich.

Erstaunlich ist immer, wie ansteckend Offenheit, Zustimmung und Weite sein kann:
Ich hatte auch diesmal wieder Gelegenheit, 1,5 Tage neben Joel, unserem Ausbildungsleiter, zu sitzen.
Sehr oft, wenn ein Teilnehmer etwas sagt, dann spürt er in sich kurz nach..... und dann geht er sosehr in die Weite und Zustimmung, dass dies..... und eine von ihm ausgehende Weichheit.... wirklich körperlich spürbar ist und ansteckend wirkt. Es ist wirklich sehr angenehm, neben ihm zu sitzen.

In diesem Ausbildungs-Block fielen wieder viele Sätze, die für mich total ansprechend waren.... und ein paar neue Gesichtspunkte, die mir helfen, noch besser im Alltag in die Selbst-Akzeptanz und Zustimmung zu kommen......

In einer Innen-Raum-Reise gingen wir diesmal besonders auf den Aspekt der Atmung ein. Ich werde mal schauen, wie ich hier mein Selbst-Begleite-Repertoire damit erweitern kann.

Interessant war, als ich mit einer Teilnehmerin eine Übung machte, bei der ich sie mit der Berührung einer Hand führen sollte, während sie die Augen geschlossen hat. - Ich sah dann, dass sie Tränen in den Augen hatte, und fing gleich an, darüber nachzudenken, was ich da jetzt tun sollte. Ich merkte richtig, wie meine Aufmerksamkeit bei ihr war, wie ich mich um sie kümmern wollte, wie ich mir überlegte, wie ich sie jetzt führen sollte, damit es angenehm für sie ist. - Schließlich stoppte ich diese Überlegungen dann und beschloss, mit meiner Aufmerksamkeit zu mir zu gehen und mich selbst führen zu lassen, wie bei einer Aufstellung. Nun lief alles wie von selbst.

Später bei ihrer Rückmeldung erfuhr ich dann, dass zu den verschiedenen Zeitpunkten während des Führens genau das Richtige getan hatte, obwohl ich zum Zeitpunkt des Führens garnicht wusste, warum ich das tat, was ich gerade tat.


Diesmal nutzte ich die Gelegenheit, mich in einer kleinen Übungsgruppe in einer kleinen Aufstellung mit meiner körperlichen Blockade auseinander zu setzen. (Doch dies lagere ich vielleicht besser in einen zweiten Beitrag aus.)

Dienstag, 12. Juli 2011

Unterscheidung in 5 Gefühls-Arten

Im Umfeld der systemischen Familientherapie wird oft zwischen 3 oder vier verschiedenen Arten von Gefühlen unterschieden. Bei "Reinhard Lier" fand ich sogar eine Unterscheidung in fünf Arten, was ich auf diese Art und Weise sehr sinnvoll fand:

Die erste Art der Gefühle sind die "Primärgefühle". Das sind dies Gefühle, die einen direkten Bezug zu einem äußeren Ereignis haben, z.B. Trauer über das Ende einer Beziehung. - Diese Gefühle kommen nach einiger Zeit zu ihrem natürlichen Ende und können dann wieder gehen.

Die zweite Art der Gefühle sind die "Sekundärgefühle" - man könnte auch sagen "Ersatzgefühle" oder "Abwehr-Gefühle". Hier handelt es sich um die Gefühle, die Vorgeschoben werden, um sich auf die eigentlichen Gefühle nicht wirklich einlassen zu müssen, z.B. wenn jemand mit Wut reagiert, statt seine Trauer und Hilflosigkeit zu fühlen. - Diese Gefühle können notwendiges Handeln verhindern, man kann sich damit in „endlosen Geschichte” verstricken..... und Außenstehende finden diese Gefühle oft peinlich oder sind genervt.

Die dritte Art der Gefühle sind die "Systemischen" bzw. "Übernommenen Gefühle". Das sind Gefühle, die eigentlich einer anderen Person (meist aus der Herkunftsfamilie) gehören und von dieser Person übernommen wurde. - So kann es beispielsweise sein, dass die Tochter den unterdrückten Zorn der Mutter übernimmt und diesen für sie auslebt.

Die vierte Art von Gefühlen sind "Kindergefühle". Das sind Gefühle die (meist von traumatischen Erfahrungen) aus der Kindheit stammen.... und noch nicht verarbeitet werden konnten. Oft fühlt sich der Erwachsene dann immer noch so wie damals als Kind.

Die fünfte Art von Gefühlen sind die "Meta-Gefühle". Dies sind Gefühle wie "Einklang", "Kraft", "Würde", "Dankbarkeit", "Ehrfurcht", "Inneren Friede" ..... die aus der Verbindung mit dem "Größeren Ganzen" entstehen.

Samstag, 7. Mai 2011

Mich mitten hineingeben

Ich hatte mich vorhin einem Thema zugewandt, welches schon den ganzen Tag eine schlechte Stimmung in mir hervorrief.

Dabei habe ich mich einfach geöffnet, versucht, so weit es mir möglich ist "Da zu sein" ..... und ich hatte mir dabei vorgestellt, mich innerlich hineinzugeben, mich hineinzuhängen.... in die Situation.
Dabei habe ich meine Gefühle wahrgenommen, habe die Situation für mich als Ganzes wahrgenommen, ..... und nach einer kurzen Weile ist es mir gelungen, innerlich über das "Problem" über die "Fixierung auf das Problem" hinauszugehen..... weiter zu werden..... - und gleichzeitig weiterhin wahrzunehmen....

Auch wenn das Thema nun noch nicht abschließend geklärt ist, hat es sich energievoll und angenehm angefühlt, mich mir selbst (und meinem Thema) auf diese Art und Weise zuzuwenden.
Und es hat sich angenehm angefühlt, 'im Thema drin' und gleichzeitig 'weit' zu sein.

Samstag, 23. April 2011

Mich dem Leben stellen....

Ich wälze nun schon eine Weile die Frage in mir,
was mir den Weg davor versperrt, regelmäßig (täglich) in mich zu gehen, mich zu spüren, mich mich mir selbst zuzuwenden. (Da ist immer ein Ausweichen, ein Verschieben auf später.... und dann geschieht es doch nicht...)

Es ist für mich noch nicht klar zu spüren, aber so ein bisschen hängt es wohl mit folgenden Punkten zusammen:
* Die Angst, dann vielleicht mit der Einsicht konfrontiert zu werden, dass ich es in Wirklichkeit garnicht schaffe, weiter­zu­­kommen und meine Themen zu lösen...
* Oder die Angst, dass ich dann merken würde, dass ich auf keinen Fall mehr so weiterleben will, wie ich derzeit lebe. ..... (Und daraus folgend denn in die Situation kommen, Vieles in meinem Leben ändern zu wollen.... und somit dann auch zu müssen....)
* Vielleicht auch die Angst davor, Eigenverantwortlich, Erwachsen,  Aus eigenen Kraft heraus, mein Leben zu leben.

Ja - mich dem Leben stellen ist so ein Spruch, der mir seit unserem letzten Ausbildungswochenende durch den Kopf geistert.
- "Bin ich bereit, mich dem Leben zu stellen?" -

Dies beinhaltet für mich etwas sehr Kraftvolles, Erwachsenes.
Das Gegenteil hierzu wäre, wenn ich mich in eine kindliche Postion zurückziehe, in ein 'Geht-Nicht', 'Will-Nicht', 'Kann-Nicht'.... ich bin zu unfähig, zu gestört,  .... - Das fühlt sich sicherer an, aber auch verantwortungslos, kraftlos und nachlässig.  [Dies sind jetzt meine Worte.... und es sind Worte, die sicherlich für Jeden einen ganz anderen Geschmack haben, etwas ganz anderes bedeuten...]

Samstag, 2. April 2011

Existenzbedrohung vs. Erwachsen-Sein

Ich habe es bemerkt:
Als ich noch im Tunnelblick war.... da hatte ich irgendwie das Gefühl, meine gesamte Existenz hängt davon ab, dass sich das Ganze im Rahmen der von mir als wichtig gesehenen Bedingungen abspielt.
Es war (ist) wirklich so ein Gefühl, als ob die Existenz bedroht ist, wenn nicht das-und-das passiert, ich nicht dies-und-jenes hinkriege..... und es nicht so läuft, wie ich meine dass es unbedingt laufen müsste....

Außerhalb des Tunnelblicks ist dies keine Bedrohung mehr - sondern lediglich eine Vorliebe.


Außerhalb des Tunnelblicks fühlt sich das ganze so an, als ob ich als Erwachsener reagieren, reden, verhandeln kann.  (Also ohne mich (falls der Andere anders tickt als ich) gleich bedroht zu fühlen.)

Dies setzt natürlich voraus, dass ich in der Weite bleiben will und kann.
'In der Weite bleiben können' geht wahrscheinlich soweit, wie es mir möglich ist, in der Zustimmung zu bleiben....
'In der Weite bleiben wollen' setzt unter Anderem auch die Bereitschaft voraus, die Verantwortung zu tragen und auch über den eigenen Schatten zu springen.... statt wie ein Kind die Verantwortung auf andere zu schieben....